Nach zugegeben sehr langer Pause bin ich nun endlich dazu gekommen, den nächsten Teil der Kolumne To be done? zu verfassen. Der letzte Teil beschäftigte sich ja mit den Erwartungen an die diesjährige E3. Was ich bereits damals vermutete, ist zum großen Teil eingetreten - Es wurden zwar schöne Videos und erste spielbare Abschnitte gezeigt, sowie ein netter Comic veröffentlicht, jedoch wirklich grundlegende neue Informationen zu Gameplay und Multiplayer blieben zum Großteil aus. Eine Ausnahme jedoch gibt es: In der letzten Zeit bezeichnete Flagship ihren Titel als MMO(RP)G, und Gerüchte von netten Dingen wie Fraktionssystem, fraktionsspezifischen Skills, Ruf und ähnlichem machten die Runde. Mit diesem Thema, und den damit verbundenen Folgen, befasst sich mein heutiger Kolumnenartikel.
Grundlegend muss man zuerst den Begriff des MMO(RP)G's im Bezug auf Hellgate: London klären und definieren, denn dieser Begriff hat seit der massiven Welle neuer und erfolgreicher Onlinespiele einige drastische Inhaltsänderungen erfahren. Heutzutage wird, sobald das Kürzel MMOG fällt, direkt alles mit World of Warcraft verglichen. Dies kommt nicht von ungefähr, schließlich hat Blizzard's aktuelles Werk weltweit über 5 Millionen Spieler in seinen Bann gezogen, und bedeutet für den Hersteller seitdem klingelnde Kassen. Kein anderes Spiel kann derzeit auf einen ähnlichen Erfolg zurückblicken, deshalb ist und bleibt (vorerst) WoW das Maß aller Dinge. Natürlich gibt es Nischenprodukte, und Konkurrenten, die auch erfolgreich sind, aber wer einmal Google anwirft, und "World of Warcraft" eingibt, wird verstehen, dass ich mich zum Zwecke der Diskussion auf dieses Produkt als Referenzgrundlage beschränke.
Dennoch sollte man, bei aller Verbreitung von World of Warcraft in Medien und Spielermunde, erwähnen, dass es zwar ein MMORPG ist, dies aber nicht die einzige Ausprägungsform von MMOG's ist. Auch ein (Taktik-)Shooter wie Counterstrike ist ein MMOG, ebenso wie die derzeit recht beliebten Browserspiele. Diablo 2 im Battle.Net zählt ebenfalls zu jenem Genre, ist jedoch ein Mischspiel, da es auch einen Singleplayermodus enthält - Gleiches trifft, nach derzeitigem Stand, auf Hellgate: London zu. Wie man von dieser Tatsache aber dann auf Standardelemente reiner MMORPG's als Spielinhalte kommt, und warum, diese Frage stellt sich mir.
Liest man einschlägige Foren, so kann man vermuten, dass MMORPG's vor allem die Zielgruppe der "Powergamer" ansprechen sollen, jene Leute, die bereit und in der Lage sind, viele Stunden täglich in ein solches Spiel zu investieren. Belohnt wird der Zweitaufwand mit Gegenständen, Quests, betretbaren Orten und anderen Spielinhalten, die exklusiv dieser Zielgruppe zugänglich sind, weil sie eben jenen angesprochenen Zeitaufwand zwingend voraussetzen. Ausgeschlossen dagegen sind die so genannten "Casual Gamer", Menschen, die aufgrund von Einstellung, Beruf oder anderer Gründe nicht so viel Zeit in ihr Hobby stecken wollen oder können.
Das Ruf- und Fraktionssystem, wie wir es aus World of Warcraft kennen, ist eines der zeitintensivsten Elemente überhaupt. Um einen bestimmten Ruf bei einer oder mehreren Fraktionen zu erreichen, muss der Spieler viele Stunden in entsprechende Quests, oder auch nur stupides und eintöniges "Farmen" stecken. Belohnt wird er dann mit Gegenständen - Oder der nächsten Questreihe, eine fast endlose Schleife, wenn man sie schiere Zahl der Fraktionen bedenkt.
Genau dieses zeitintensivste aller Elemente soll also, Gerüchten zu Folge, Einzug in Hellgate: London finden. Die Frage, die sich mir hier stellt, ist deshalb: Muss das sein?!? Betrachtet man bisherige Ankündigungen, und die diversen Foren, sieht es ein Großteil der potentiellen Käufer, meine Wenigkeit eingeschlossen, als größten Vorteil von Hellgate: London, dass es ähnlich wie Diablo 2 funktionieren soll. Dessen größter Anreiz war es aber, dass man auch mit geringem oder mittleren Aufwand große Erfolgserlebnisse feiern konnte, eine gute Ausrüstung besaß, und allgemein durch geringere Spielzeit nicht wirklich benachteiligt wurde. Werden nun Elemente wie Fraktions- und Rufsystem, Farmquests oder ähnliches implementiert, passiert wieder das, worüber sich viele WoW-Spieler beschweren: Powergamer bilden eine exklusive Gruppierung mit Zugriff auf Spielinhalte, die der Masse der Spieler verwehrt bleiben.
Ob dies im Sinne der Entwickler, oder den Käufern ist, ist zumindest fragwürdig, wobei man ehrlicherweise zugeben muss, dass eine für Casual Gamer erträgliche Umsetzung solcher Inhalte zumindest theoretisch denkbar ist. Ich persönlich würde jedoch gerne darauf verzichten. Das Leben ist meiner Meinung nach zu kurz, um wochenlang ein und den selben Gegner hunderte Male zu besiegen, nur um ein winziges Teilziel zu erreichen. Da ist ein Besuch des Biergartens mit Freunden doch weitaus produktiver. Wie denkt ihr darüber? Sagt es mir in unserem Forum!